Baltikum 9

Tag Sieben (Freitag, 10. August): Nach dem Essen ist vor dem Essen – heute gibt es schon beim Frühstück eine besondere Überraschung. Eierkuchen mit einem selbstgemachten Apfelmus aus dem Haushalt unseres Herbergsvaters! Wir stärken uns ausgiebig für die bevorstehende Probe und schwärmen, nachdem diese geschafft ist, wieder aus. Einige bleiben zunächst in Jurbarkas, gehen einkaufen und Pizza essen oder schreiben an einem gewissen Reiseblog. Der Großteil der Gruppe düst nach Kaunas und legt dort einen zweistündigen Sightseeing-Marathon hin: Altstadt, Kirche (mit Hochzeit!), und zurück. Die anderen brechen am Nachmittag mit Tenor Paul zu einer kleinen Reise in die Vergangenheit auf: Gemeinsam mit Mindaugas geht es in das kleine Dorf Schakeningken nahe der russischen Grenze, wo das Geburtshaus von Pauls Großvater steht. Am Fuß des Rambynas-Berges organisiert sich Nicole ihre tägliche Ration kalter Rote-Bete-Suppe, danach trudeln wir aus allen Richtungen in Vilkiskiai ein.

Wir proben in der Kirche, ziehen uns um und dann geht es auch schon los: Drittes Konzert in Litauen, diesmal ohne Uraufführungen oder andere Aufregungen. Denken wir... Das Gewitter, das schon kurz vor dem Konzert begonnen hat, sorgt dafür, dass während den „Zehn Geboten“ alle Lichter in der Kirche ausgehen. Während Mindaugas und Mitarbeiter der Kirche retten, was zu retten ist, singen wir ganz ruhig das Lied zu Ende – ist ja a cappella. Spannender wird es, als bei „Swing Low“ der Strom ein zweites Mal ausfällt… und damit auch das E-Piano verstummt. Der Chor bleibt cool und singt das Intro einfach ohne Klavier weiter. Und tatsächlich: Pünktlich zum ersten Refrain ist der Strom wieder da und der Einsatz des Pianos kommt krasser als je zuvor. Auch heute hält das Ende des Konzerts Überraschungen bereit: Mindaugas‘ Frau Laura erhält eine Ehrung für ihr kulturelles und kirchenmusikalisches Engagement, und wir werden diesmal nicht nur mit Blumen, sondern auch mit reichlich Käse aus der örtlichen Molkerei beschenkt. Diesen Käse finden wir auch auf dem reichhaltigen Buffet wieder, das uns im Gemeindehaus erwartet. Wie es dazu gekommen ist, dass dieses Gemeindezentrum seine gegenwärtige Gestalt bekommen hat, und wie die ehemals ruinöse Kirche in Willkischken wieder so schön geworden ist, erfahren wir von Mindaugas und lernen: Manchmal muss man einfach verrückte Ideen haben, verrückte und/oder engagierte Leute kennen und die richtigen Anrufe machen!

Als der Regen vorbei ist, geht die Party draußen weiter. Unsere treuen Fans und Gaststars Matas, Paulus und Lukas Kairys schmeißen im Autoradio ihre neue Lieblings-CD an, die uns irgendwie bekannt vorkommt… und so schmettern wir unsere „psalms & chorales“ mit der CD mit in den Nachthimmel. Die Szenerie wird dabei immer spezieller: Irgendjemand macht in der Kirche Licht, sodass die bunten Glasfenster an der dunklen Kirche zu uns nach draußen strahlen, und der weiße Schatten, der auf dem schwarzen Kirchenfirst tanzt, entpuppt sich als Storch. Ein besonderer Abschluss für einen besonderen Tag.